8.34 Uhr ist es am Mittwochmorgen, als Sprengmeister Thorsten Lüdeke den Verdacht bestätigt: An der Springer Landstraße liegt eine nicht detonierte Fliegerbombe aus dem Zweiten Weltkrieg. Lüdeke ist Sprengmeister des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Niedersachsen (KBD) und seit 25 Jahren überall dort im Einsatz, wo in Niedersachsen – zumeist bei Bauarbeiten – Relikte aus dem Zweiten Weltkrieg auftauchen. Am 26. April wird Lüdeke die Bombe, die unter dem BHW-Parkplatz liegt, unschädlich machen. Rund 6.000 Menschen in einem Umkreis von 1.500 Metern um die Fundstelle werden dafür evakuiert werden müssen – ursprünglich war von etwa 3.500 Personen und einem Radius von einem Kilometer ausgegangen worden.
„Die Bombe ist um einiges größer als erwartet“, berichtet Lüdeke. Vermutet worden war eine 10-Zentner-Bombe – 500 Kilo Gesamtgewicht, etwa 200 Kilo Sprengstoff. Dieser Bombentyp ist sehr häufig von den Alliierten eingesetzt worden und wird beispielsweise in Hannover und Göttingen immer wieder entdeckt. Tatsächlich gefunden haben die Experten des KBD nun allerdings einen „20-Zentner-Zerscheller“, wie Lüdeke erklärt – „vermutlich“, schiebt er hinterher, denn komplett freigelegt haben die Kampfmittelspezialisten den Sprengkörper bislang noch nicht. Das geschieht erst am Tag der Entschärfung. Bis dahin wird die Fundstelle abgesichert und rund um die Uhr bewacht. „Es besteht keine akute Gefahr“, betont Lüdeke weiter.
Doch vieles deutet auf eine große Bombe hin: Bei seiner Suche im Boden war der KBD immer wieder auf abgesplitterte Bombenteile gestoßen, unter anderem auf das Leitwerk – die Metallflossen am Heck des Sprengkörpers. „Die Leitwerkgröße passt zu einer amerikanischen 20-Zentner-Bombe“, sagt Lüdeke. Mit einer Bombe dieser Größe habe es der Kampmittel-Experte selbst erst drei oder vier Mal zu tun gehabt, wie er sagt.
Der Blindgänger-Verdacht war aufgekommen, als vor Beginn von Bauarbeiten für eine Photovoltaikanlage routinemäßig historische Luftbilder ausgewertet worden waren. Diese Aufnahmen aus dem Zweiten Weltkrieg und der Zeit kurz danach zeigen, dass das heutige Firmengelände an der Bahnstrecke während des Krieges stark bombardiert worden ist. Auf den Bildern sind zahlreiche Krater zu erkennen, an diesen Stellen sind Bomben explodiert. An einer Stelle allerdings ließ sich nicht eindeutig feststellen, ob dort eine Fliegerbombe niedergegangen und nicht explodiert ist. Diese Stelle haben Experten des KBD daraufhin genauestens untersucht.
Seit dem 12. März war der Verdachtspunkt zunächst vorbereitet worden: Eine Fachfirma sicherte die Fundstelle mit Spundwänden und sogenannten Gurtungen ab – mit Stahlträgern, die dem Druck der umliegenden Erde standhalten. Anschließend wurde die Baugrube ausgebaggert, bis auf eine Tiefe von etwa neun Metern. Zentimeter für Zentimeter, ganz vorsichtig mit Spitzhacken, arbeiteten sich die Kampfmittel-Experten dann weiter in die Tiefe – und stießen dabei auf Sprengstoff und Bombenteile. Die abschließende Untersuchung mit einer Stechsonde gab dann Aufschluss über die Lage und Größe der Bombe im Boden.
„Ein Teil des Sprengstoffes ist bereits ausgetreten“, sagt Thorsten Lüdeke – vermutlich bereits beim Aufprall, bei dem die Bombe zerschellt und tief ins Erdreich eingedrungen, jedoch nicht explodiert ist. Dennoch verbleiben nach seiner Einschätzung noch immer rund 450 Kilogramm Sprengstoff in der Bombe. Da einer der beiden Zünder zerstört ist und der andere tief im felsigen Boden steckt, bereitet sich die Stadt Hameln nun auf eine komplizierte Entschärfung vor. Er und seine Kollegen werde „alles Menschenmögliche tun“, um die Bombe aus dem Felsen zu bekommen, sagt Lüdeke – ein Wasserschneidegerät mit 700 Bar Wasserdruck wird dabei zum Einsatz kommen. „Im schlimmsten Fall“, sagt der Experte, müsse die Bombe aber vor Ort kontrolliert gesprengt werden.
Bereits ab Montag werden für diesen Fall Vorsichtsmaßnahmen getroffen: Rund um die und über der Fundstelle wird ein Schutzwall aus Containern aufgebaut, sechs Etagen hoch. Gefüllt werden diese Container mit Wasser – um die Druckwelle und umherfliegende Splitter im Falle einer Sprengung abzufangen.
Auf die Stadt Hameln kommt nun die größte Evakuierung seit Ende des Zweiten Weltkrieges zu: Rund 6.000 Menschen in den Stadtteilen Afferde, Rohrsen, am Basberg und im Hottenbergsfeld werden am 26. April ihre Wohnungen bis spätestens 7 Uhr verlassen haben müssen. Die umfangreichen Vorbereitungen dafür haben bereits vor Wochen begonnen.
In den nächsten Tagen wird die Stadt alle Haushalte, die im Umkreis von 1500 Metern um die Bomben-Fundstelle wohnen, informieren und konkrete Handlungsanweisungen geben. Klar ist: Wann die Menschen am 26. April in ihre Wohnungen zurückkehren können, hängt davon ab, wie die Arbeiten vor Ort verlaufen – betroffene Bürgerinnen und Bürger sollten vorsichtshalber davon auszugehen, dass eine Rückkehr in die Wohnungen erst im Laufe des Tages, möglicherweise erst in den Abendstunden, möglich sein wird.
Am Tag der Entschärfung werden Hundertschaften von Landes- und Bundespolizei, Feuerwehrkräfte, THW und DRK im Einsatz sein. Die Rattenfängerhalle und die Rüdiger-Butte-Schule werden für den Tag der Entschärfung als Notunterkünfte hergerichtet. Beide Bundesstraßen im Stadtgebiet – die B 1 und die B 217 – werden für die Zeit der Evakuierung voll gesperrt, die Zugstrecken Hannover-Paderborn und Hildesheim-Löhne unterbrochen. Die Öffis passen ihre Fahrpläne an und bieten einen kostenlosen Shuttle-Service aus dem Evakuierungsgebiet in Richtung Rattenfängerhalle und Rüdiger-Butte-Schule an. Sogar der Luftraum über dem Sperrgebiet bleibt am 26. April gesperrt.
In den kommenden Tagen wird die Stadt Hameln weitere Informationen veröffentlichen zum genauen Ablauf der Evakuierung am 26. April, zur den beiden Notunterkünften und zu gesperrten Straßen und Einschränkungen im Bus- und Bahnverkehr. Aktuelle Informationen rund um die Blindgänger-Entschärfung an der Springer Landstraße sowie Antworten auf die wichtigsten Fragen stellt die Stadtverwaltung unter www.hameln.de sowie auf den städtischen Accounts bei Facebook und Instagram zur Verfügung. Zudem hat die Stadt Hameln ein Bürgertelefon eingerichtet, das ab Donnerstag, 16. April, montags bis donnerstags in der Zeit von 9 bis 15 Uhr sowie freitags von 9 bis 13 Uhr unter der Telefonnummer 0800/426 356 5 erreichbar ist.















































































































































































































































































































































































































































































































































