„Die Grille in der Geige" von Anna Haifisch

© Anna Haifisch, Rotopol 2025

Der Rattenfänger-Literaturpreis 2026 geht an die Leipziger Comiczeichnerin und Grafikerin Anna Haifisch für ihr Bilderbuch „Die Grille in der Geige“ (Rotopol Verlag, Kassel). Seit 1984 verleiht die Stadt Hameln alle zwei Jahre den mit 5.000 € dotierten Rattenfänger-Literaturpreis, in diesem Jahr würdigt sie eine Neuinterpretation der Fabel von der Ameise und der Heuschrecke.

Mit Anna Haifischs „Die Grille in der Geige“ zeichnet die Jury des Rattenfänger-Literaturpreises ein Bilderbuch aus, das sich in die Tradition der Tierfabel stellt. Die Geschichte von der Grille, die den ganzen Sommer über musiziert und tanzt und sich zu keiner Zeit Gedanken um Vorsorge für den Winter macht, gehört sicher zu den bekanntesten Fabeln überhaupt und wurde bereits vielfach adaptiert.

Anna Haifischs Bilderbuch-Neuinterpretation holt den Ursprungstext in die Gegenwart und fügt der Fabel nun eine weitere Perspektive hinzu: Die Daseinsvorsorge einer Gesellschaft kann nicht mehr ausschließlich auf materielle Dinge reduziert werden. Kunst und Kultur sollten ebenso dazugezählt werden, sie sind ein fester Bestandteil unseres Lebens, Miteinanders und unserer Identität. Damit entwickelt die Künstlerin eine neue Lesart für die gegenwärtige Zeit und macht dies stilistisch vergleichbar zu ihrem famosen Kunst-Comic-Epos „The Artist“: Lakonisch in der Erzählweise, mit pointiertem Humor und graphisch fernab vom Mainstream.

Die Preisverleihung findet am 13. November 2026 im Theater Hameln statt. Zusätzlich wurden zehn weitere Kinder- und Jugendbücher in die Empfehlungsliste des 21. Rattenfänger-Literaturpreises aufgenommen und als besonders wertvoll ausgezeichnet.

Der Rattenfänger-Literaturpreis wird seit 1984 von der Stadt Hameln verliehen und in diesem Jahr zum 21. Mal vergeben. Der mit 5.000 € dotierte Preis würdigt herausragende Märchen- oder Sagenbücher, phantastische Erzählungen, moderne Kunstmärchen sowie mittelalterliche Geschichten für Kinder und Jugendliche.

Begründung der Jury

„Die Grille in der Geige“ ist bei weitem nicht die erste Adaption der Aesopschen Fabel, sie steht vielmehr in einer langen Tradition von Aktualisierungen. Am bekanntesten sind davon sicher die Fassungen von La Fontaine, Walt Disney aber auch Janosch. Die wichtigste Änderung der beiden letzten, die als Trickfilme erschienen sind, ist die Aufnahme der Grille in den Haushalt, wo sie sich im Winter nicht nur durch Mitarbeit sondern durch ihre Musik ein Bleiberecht erwirkt. Diese Abkehr von einer rein materialistischen Sicht auf gesellschaftliche Daseinsvorsorge stellt in gewisser Weise den Ausgangspunkt für Anna Haifisch dar: Kunst als Eigenwert für die Gemeinschaft. Auch bei ihr musiziert die Grille den ganzen Sommer über, was nicht nur sie, sondern auch das übrige kleine Getier der Waldes erfreut. Doch trotz dieser Zuneigung wird im harschen Winter die Geige der Grille kurzerhand zu Feuerholz. Das traurige Erwachen nach Endes des Winters in einem Frühling ohne Musik ist groß. Die Erkenntnis, das Kunst und Musik nicht nur nice to have sind, sondern einen elementaren Bestandteil des gesellschaftlichen Zusammenlebens ausmachen, kommt jedoch zu spät.

Anna Haifisch erzählt diese Geschichte, wie sie auch schon ihr famoses Kunst Comic-Epos „The Artist“ erzählt hat. Lakonisch in der Erzählweise, mit pointiertem Humor und graphisch fernab vom Mainstream. Die feinen Tuschezeichnungen sind flächig koloriert und bedienen sich mit Gelb, Grün und Rot einer eingeschränkten Farbpalette, deren Stil klar die eigene Erfahrung mit Druckverfahren zeigt. Das grelle Gelb, das leuchtende Rot heben sich deutlich und erfrischend von den so oft irdenen und pastellenen Farben aktueller Bilderbuchproduktionen ab. Das trifft auch auf die Ausstattung ihrer Version des Waldes zu. Die Geige der Grille ist nicht wie bei anderen Adaptionen angepasst an die Größe des Insekts. Es ist ein zurückgelassenes Instrument, das nebenbei auch noch als Wohnraum für die Grille dient. Überhaupt finden sich im Wald zahlreiche Hinterlassenschaften, die von den Insekten und Tieren in unterschiedlicher Weise nutzbar gemacht werden. Jenseits einer pädagogischen Mahnung, man solle nichts in die Natur werfen, wird hier die Idee einer Kreislaufwirtschaft vorgelebt. Insbesondere natürlich durch die Grille, die schließlich in einen Milchkarton zieht und dort mit der Ofenrohrtrompete ein neues Instrument erfindet und damit dem Wald die Musik zurückbringt.

Mit Anna Haifischs „Die Grille in der Geige“ wird einer Bilderbuch ausgezeichnet, dass sich in die Tradition der Tierfabel stellt. Dabei begnügt sich die Künstlerin jedoch nicht damit, diese einfach nur zu bebildern, sondern wie jede gelungene Adaption holt sie den Ursprungstext in die Gegenwart und schält für die Gegenwart eine neue Aussage aus dem Stoff heraus. Und die Moral von der Geschicht? Kunst und Kultur sind der Ursprung menschlichen Ausdrucks und Kommunikation. Wer sich dem verschreibt, trägt zum gesellschaftlichen Miteinander entscheidend bei. In Zeiten von Beschneidungen kultureller Förderung tut man gut daran, sich dem bewusst zu sein.

© Matthew James Wilson. Alle Rechte vorbehalten.

Anna Haifisch wurde 1986 in Leipzig geboren und hat dort an der Hochschule für Grafik und Buchkunst Illustration studiert. Innerhalb weniger Jahre ist sie zu einer der wichtigsten Figuren der jungen Generation des Independent-Comics auf der ganzen Welt geworden. Ihr einzigartiger Stil und ihre beunruhigend ehrlichen Geschichten haben ein breites Publikum erobert. Ihre in mehrere Sprachen übersetzten Bücher sind in Europa und auch in Nordamerika echte Klassiker geworden. Anna Haifisch wurde 2020 vom Internationalen Comic-Salon Erlangen mit dem Max-und Moritz Preis in der Kategorie „Beste deutsche Comic-Künstlerin” ausgezeichnet.

Empfehlungsliste des 21. Rattenfänger-Literaturpreises

Ideell ausgezeichnet:  
Emma Carroll (Autorin); Lauren Child (Illustratorin)
Das Mädchen mit den Schwefelhölzern schlägt zurück
Zürich: WooW Books 2024
Mars-Leo Frei
Der Schwobbel – Ein Schleim zieht ein
Frankfurt am Main: Fischer Sauerländer Verlag 2024
Will Gmehling (Autor); Jens Rassmus (Illustrator)
Der Sternsee
Wuppertal: Peter Hammer Verlag 2025
Christian Handel
Brunnengeister – Ich verspreche dir alles, was du willst ...
München: Piper Verlag 2024
Jordan Ifueko
Raybearer – Die Masken der Aiyetoro
München: Piper Verlag 2024
Mari Mancusi
New Dragon City. Eine verbotene Freundschaft
Würzburg: Arena Verlag 2024
Aleksandra und Daniel Mizielińscy
Carp City – Die Stadt des tanzenden Karpfens
Frankfurt am Main: Moritz Verlag 2025
Sanne Rooseboom
Motte und die Metallfischer
Bamberg: Magellan Verlag 2025
Chantal-Fleur Sandjon
City of Trees
Stuttgart: Thienemann Verlag 2024
Sid Sharp
Moor Myrte und das Zaubergarn
Zürich: NordSüd Verlag 2025