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Freitag, 29.01.2010 20:11 Uhr
„Das hier übersteigt alle Vorstellungen“
Verstärkung aus Hameln im Katastrophengebiet eingetroffen
„Das hier“, sagt Reinhold Klostermann, Leiter der Interhelp-Task-Force in Haiti, „übersteigt alle Vorstellungen von richtiger Medizin.“ Amputationen werden in offenen Zelten durchgeführt, Kinder sterben nur deshalb, weil sich ihre Wunden entzündet haben. „Wir lassen nichts unversucht, aber manchmal können wir nicht mehr helfen.“
„Uns wurde ein achtjähriges Mädchen gebracht. Es hatte 40 Grad Fieber. Der rechte Fuß der Kleinen war gebrochen, der Knochen schaute heraus. Die Wunde hatte sich böse infiziert. Sie war im septischen Schock und starb noch am gleichen Tag“, erzählt der Hamelner Lehrrettungsassistent. Seine Stimme versagt. Nach ein paar Sekunden sagt Klostermann: „Unsere Emotionen können wir bei solch einer schlimmen Lage nicht mehr unterdrücken.“
Die Tränen laufen. „Wir stützen uns gegenseitig“, sagt Klostermann. Die Hilfe aus Hameln sei sehr wichtig, „und wenn wir manchmal ein Lächeln der Kinder sehen oder ein Danke der Patienten hören, dann baut das auf, dann ist man wieder voll bei der Sache.“
Nach 40-stündiger Reise sind nun auch Krankenschwester Gesche Cook, OP-Pfleger Jens Kladen, Feuerwehr-Lehrrettungsassistent Bernhard Mandla und der in Hameln lebende gebürtige Haitianer Jeff Alexis, der als Dolmetscher im Einsatz ist, in Port-au-Prince eingetroffen. Jubel bei dem sechsköpfigen Interhelp-Team, das bereits seit mehr als einer Woche vor Ort ist. „Die lang ersehnte Hilfe aus Hameln ist endlich da“, sagt Klostermann. „Es gibt hier noch so viel zu tun. Viele Opfer sind noch gar nicht behandelt worden.“
„Unser Team arbeitet jetzt in einem Camp, in dem etwa 20 000 Menschen in Zelten hausen“, sagt Interhelp-Vorsitzender Ulrich Behmann. Die heimischen Retter arbeiteten mit Ärzten und Sanitätern aus San Franzisco und dem IMC, dem Internationalen Medizinischen Corps, zusammen. „Diese Zufluchtsstätte liegt an einem Berg und ist in Sektoren von A bis C eingeteilt“, sagt Behmann. Im Bereich A betreibe die Medical Task Force aus Hameln eine kleine Rettungsstation. „Die Menschen hier im Camp sind völlig traumatisiert. Viele haben ganze Familien verloren, sind Waisen geworden oder wissen gar nicht, ob ihre Angehörigen überlebt haben“, sagt Rettungsassistent Christian Käse.
Die Sicherheitslage sei weiterhin sehr angespannt. „Einige Banden hier töten sich gegenseitig wegen der Rangordnung. Plünderungen sind an der Tagesordnung“, sagt Reinhold Klostermann. „Die Gegend um den Hafen und Teile der Südstadt gelten als rote Zone. Dort darf man nur tätig werden, wenn genügend schwer bewaffnete Soldaten und gepanzerte Fahrzeuge mit Maschinengewehren und Granatwerfern die Helfer schützen.“
In der letzten Tagen versorgten die Hamelner Helfer des inzwischen zehnköpfigen Interhelp-Teams jeweils mehrere hundert Verletzte, darunter viele Kinder. Amerikanische Soldaten unterstützen die Retter. „Von unserem Platz aus wurden Schwerverletzte mit US-Armee-Hubschraubern auf das Hospitalschiff ,Comfort“ ausgeflogen, um sie dort zu operieren“, berichtet Feuerwehrmann Bernhard Mandla.
„Morgen“, sagt Interhelp-Vorsitzender Ulrich Behmann, der von Hameln aus das Backoffice des gemeinnützigen Vereins leitet, „wird ein Teil unserer Gruppe eine ambulante Tagesklinik aufbauen. Ein Pfarrer aus Haiti hat unsere Hilfsorganisation darum gebeten.“
Interhelp ruft zu Spenden auf. „Angesichts der dramatischen Lage in Haiti tut jeder Euro Not“, sagte Ulrich Behmann. Geld kann ab sofort auf folgende Sonderkonten eingezahlt werden: Nr. 20313 bei der Sparkasse Weserbergland (BLZ 254 501 10), Nr. 33233 bei der Stadtsparkasse Hameln (BLZ 254 500 01) und Nr. 700 700 000 bei der Volksbank Hameln-Stadthagen (BLZ 254 621 60). Stichwort: Erdbeben. Mehr im Internet unter: www.interhelp.info.