Inhalt:
Preisbuch des Rattenfänger-Literaturpreises 2008
Der Autor Zoran Drvenkar und der Illustrator Martin Baltscheit wurden für Ihr Buch „Zarah. Du hast doch keine Angst, oder?“ mit dem Rattenfänger-Literaturpreis 2008 ausgezeichnet. Die Jury des Rattenfänger-Literaturpreises 2008 kürte am 19. April 2008 aus 247 Bucheinsendungen einstimmig das Buch „Zarah. Du hast doch keine Angst, oder?“ von Zoran Drvenkar und Martin Baltscheit, erschienen bei Bloomsbury Kinderbücher & Jugendbücher, zum diesjährigen Preisbuch. Zoran Drvenkar erzählt ein modernes Märchen: Räuber und Monster sollen Zarah das Fürchten lehren. Aber am Ende kommt alles ganz anders als erwartet. Martin Baltscheit hat diese außergewöhnliche Geschichte mit schaurig-schönen Bildern originell illustriert.
Bildkommentar: Preisverleihung an Martin Baltscheit (2. v. r.) und Zoran Drvenkar (3. v. r.) Foto: ©dewezetDer mit 5.000 € dotierte Preis der Stadt Hameln wurde am 05. Dezember 2008 im Rahmen eines offiziellen Festaktes in Hameln an Zoran Drvenkar & Martin Baltscheit überreicht.
Zoran Drvenkar (Text)
Martin Baltscheit (Illustrationen):
Zarah. Du hast doch keine Angst, oder?
Berlin: Bloomsbury Kinder- & Jugendbücher, 2007.
72 Seiten. 14,90 €.
„Es waren einmal vier Freundinnen und eine Freundin dazu. Die Freundinnen hießen Anke, Berit, Cordula und Dorothea. Die eine Freundin dazu hieß Zarah.“ So beginnt (sprachgewandt und vielsagend) die Wanderung der 4 + 1 Freundinnen durch einen düster-geheimnisvollen Wald. Um Zarah Angst zu machen und ihre eigene Angst zu verdrängen, erzählen die ersten vier scheinbar fröhlich vom gehenkten Räuberhauptmann, der noch immer von einem Ast baumeln soll, vom Baumtroll Orgill, der Wanderern angeblich das Gehirn durch die Nase zieht und vom Schlammfresser Feggel, der am liebsten Mädchen mit schwarzen Haaren fresse – genau solchen Haaren, wie Zarah sie hat. „Die Freundinnen machten Ihh und Ähh,

und Zarah schaute in die Bäume und machte überrascht Ach.“ Ob sie furchtsam oder schlicht unbeeindruckt ist, lässt sich dabei schlecht sagen. Wer jedoch irgendwann Angst bekommt, sind die Mädchen selbst, die schließlich vor einer harmlosen Schafherde die Flucht ergreifen und dabei Zarah verlieren – ohne die sie längst nicht mehr so mutig und unternehmungslustig sind wie zu Beginn.
Was wie eine skurril illustrierte Geschichte über eine inszenierte Mutprobe beginnt, erhält eine humorvolle Wendung, als die stille Zarah nach Hause kommt, wo Ogill, Feggel und alle anderen beschriebenen Monster schon auf sie warten und sie liebevoll empfangen. Nur einer ist noch im Wald unterwegs, wo die Freundinnen gerade auf dem Heimweg sind: Der gefährliche Räuberhauptmann Raddek …
Text, Layout und Bild wirken in diesem modernen Märchen untrennbar zusammen. Was die fiesen, aber furchtsamen Freundinnen nicht erfinden, versteckt sich in den überwiegend in dunklen Farbtönen gehaltenen Illustrationen und wird in all seinem monsterhaften Schrecken vom aufmerksamen Leser (und vielleicht auch schon von Zarah?) entdeckt: Die Baumwipfel haben Gesichter, die Wurzeln werden zu knotigen Fingern, Astlöcher zu Augen – die ganze Waldlandschaft ist bei genauem Hinsehen ein schaurig-schönes Bestiarium. So unterstreichen und ergänzen die durchgehend farbig gehaltenen Illustrationen von Martin Baltscheit ganz wunderbar Zoran Drvenkars subtil angelegte und leise ironisch erzählte Angst-Geschichte – preiswürdig, wie die Jury befand.
Bildkommentar: © C. Bernburg Zoran Drvenkar wurde 1967 im ehemaligen Jugoslawien geboren und zog als Dreijähriger mit seinen Eltern nach Berlin. Schon als Kleinkind war er von Ungeheuern umgeben, die sich meistens unter seinem Bett versteckten oder als knurrende Schatten über die Wände huschten. Zoran musste sich entscheiden, ob er ein Hasenfuß oder ein Held war. Die Entscheidung fiel ihm nicht leicht, also fing er mit fünf Jahren an zu lesen, denn wer liest, kann das Böse und Dunkle besser vertreiben.
Und es hat geklappt.
Mit dreizehn schrieb Zoran seine ersten Gedichte, er fing auch an, eine Menge unheimlicher Geschichten zu schreiben und jeder, der die Geschichten las, verbrachte ein paar schlaflose Nächte. So hat es niemanden überrascht, dass Zoran nicht Koch, nicht Professor und auch nicht Tischtennis-weltmeister wurde. Er wurde Schriftsteller. Seitdem lebt er ein ausgelassenes Leben. In seiner alten Kornmühle auf dem Land schlummern Geister und Ungeheuer unter den Dachbalken. Tagsüber streiten sie sich mit den Schwalben und nachts verscheuchen sie die Fledermäuse mit viel Gekreisch und Gewedel. Mittendrin sitzt Zoran und trinkt Tee und schreibt viel und liest noch mehr, um das Böse zu vertreiben. Er schaut auch Filme, aber die gruseligen schaut er sich nie allein an. Und solltest du ihm mal begegnen, wirst du selber sehen, dass er kein Held geworden ist, aber einen Hasenfuß kann man ihn auch nicht nennen.
Bildkommentar: © Foto: privat Martin BaltscheitBei Martin Baltscheit war alles anders.
Er wurde 1965 in Düsseldorf geboren und erfand sehr schnell ein ganz eigenes Wundermittel gegen seine Ängste. Für jedes Monster, das sich unter seinem Bett versteckte, und für jeden Albtraum, den er träumte, zeichnete Martin ein viel unheimlicheres Monster und malte so gruselige Bilder, daß die Albträume und Monster ihre Sachen packten und auswanderten. Martin war fünf Jahre alt und seine Eltern gewöhnten sich sehr schnell daran, daß seine Finger immer mit Farben verschmiert waren. Sie gewöhnten sich auch daran, daß Martin alles vollzeichnete, was man vollzeichnen konnte.
Tapeten, Bademäntel, Lampenschirme, Schuhsohlen und einmal sogar den Rücken seiner Schwester, während sie sich sonnte. Ein Jahr später entdeckte Martin das Papier. Von da an konnte ihn keiner mehr halten. Martin fand heraus, daß er nicht nur die Unwesen unter seinem Bett und aus seinen Träumen vertreiben konnte, es gelang ihm auch anderen Menschen mit seinen Bildern zu helfen. Was aus purer Not begann, ist heute sein Beruf geworden. Martin schläft zwar immer noch schlecht und wenn man ihm das Papier wegnimmt, kann es passieren, daß er knurrig wird und einem seine Bilder mitten auf die Stirn zeichnet, ansonsten aber ist er ein recht zufriedener Mensch, der unheimlich gerne Fisch ißt und an manchen Tagen überhaupt nicht mehr zeichnen will.
Dann gibt es Tage, an denen er Besuch von Unwesen wie Raddeck bekommt, und da ist er dann recht froh, wenn er einen Stift in die Finger bekommt, um sich zu verteidigen. Wie sich jeder denken kann, wird Martin nie mit dem Zeichnen aufhören können, denn eine Welt wie unsere wird immer voller guter und böser Unwesen sein, und weil das nun mal so ist, ist es ganz gut, wenn man einen Zeichner im Haus hat, der für den nötigen Schutz sorgt.
Der Rattenfänger-Literaturpreis wurde 1984 das erste Mal ausgeschrieben. Damals feierte die Stadt Hameln das Jubiläum „700 Jahre Rattenfänger von Hameln“. Anlässlich dieses Ereignisses stiftete die Stadt Hameln den Rattenfänger-Literaturpreis, mit dem Märchen- und Sagenbücher, phantastische Erzählungen, moderne Kunstmärchen und Erzählungen aus dem Mittelalter für Kinder und Jugendliche ausgezeichnet werden. Der Preis wird alle zwei Jahre vergeben.
Für Hameln, „die Stadt, die aus der Phantasie lebt“ (Zitat Pavel Kohout) war der stärkste Antrieb für die Stiftung die aus der Erfahrung mit der Rattenfängersage gewonnene Erkenntnis, daß diese Literaturgattung Menschen aufs Tiefste zu bewegen vermag und daß sie deshalb Aufmerksamkeit und Förderung verdient.
Besonderen Dank sagen wir der
Bibliotheksgesellschaft Hameln, der
Kulturstiftung Hameln, dem
Landschaftsverband Hameln-Pyrmont , den
Stadtwerken Hameln und den
VGH Versicherungen. Durch ihre finanzielle Unterstützung ermöglichen sie die Vergabe des Rattenfänger-Literaturpreises 2008.
Jurymitglieder des Rattenfänger-Literaturpreises 2008
| Dr. Dieter Alfter |
Museumsleiter, Bad Pyrmont |
| Maren Bonacker |
Literaturwissenschaftlerin, Wetzlar |
| Birgit von Harten |
Dipl.-Bibliothekarin, Hameln |
| Prof. Dr. Bernhard Rank |
Literaturwissenschaftler, Heidelberg |
Dr. Verena Rutschmann |
Schweizerischen Institut für Kinder- und Jugendmedien, Zürich |
| Elisabeth Vatterodt |
Buchhändlerin, Vechta |
| Cornelie von Wedemeyer |
Buchhändlerin, Hameln |
Auswahlliste des Rattenfänger-Literaturpreises 2008
Zehn weitere Bücher wurden von der Jury in die Auswahlliste zum Rattenfänger-Literaturpreis 2008 aufgenommen und somit ideell ausgezeichnet.
 Dave Barry Ridley Pearson Peter und die Sternenfänger Verlag Friedrich Oetinger, 2006 |
 Margaret Gray Prinzessin Rose und der kluge Narr Deutscher Taschenbuch Verlag, 2006 |
 Kirsten Boie Der kleine Ritter Trenk Verlag Friedrich Oetinger, 2006 |
 Nikolaus Heidelbach Königin Gisela Beltz & Gelberg, 2006 |
 Kevin Crossley-Holland Gatty Das Vermächtnis der Pilgerin Boje Verlag, 2007 |
 Crockett Johnson Der Zauberstrand Carl Hanser Verlag, 2007
|
 Kate DiCamillo Die wundersame Reise von Edward Tulane Cecilie Dressler Verlag, 2006 |
 Mirjam Pressler Golem stiller Bruder Beltz & Gelberg, 2007
|
 Johann Wolfgang von Goethe Sabine Wilharm Der Zauberlehrling Kindermann Verlag, 2006 |
 Thomas Rosenlöcher Jacky Gleich Das langgestreckte Wunder Hinstorff Verlag, 2006 |
Die Ausschreibung des Rattenfänger-Literaturpreises 2008
(drei Seiten) (pdf-Datei,
Downloadhilfe, 281 KB)